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Nelly Rudin

Winkel- / Fragmentobjekt XI, 2003

Aluminium, lackiert

Diagonale: 226 cm, 4 Teile

© VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Foto: Gerhard Sauer

 

Nelly Rudins künstlerisches Schaffen beginnt vergleichsweise spät. 1928 in Basel geboren, bildet sich Rudin als visuelle Gestalterin aus und arbeitet fortan in verschiedenen Werbeateliers in Zürich. Erste künstlerische Arbeiten entstehen Mitte der 1960er Jahre, ihre erste Einzelausstellung hat sie im Alter von vierzig Jahren.

 

Es ist nicht immer einfach oder angemessen, das Werk einer Künstlerin aus deren Biografie herzuleiten. Und doch spricht vieles dafür, dass Nelly Rudins Schaffen an einem Punkt ansetzt, auf den viele Künstler erst jahrelang hinarbeiten müssen: den Punkt nämlich, an dem man weiß, was es heißt, sich auf das Wesentliche zu reduzieren. Genau diese äußerst konzentrierte Fähigkeit führt Rudin von ihren frühen Arbeiten an ins Feld – ganz gleich, ob es sich um Bilder oder Objekte handelt, um Arbeiten in Aluminium, Acrylglas oder einfach nur um simple Skizzen.

 

In dem Werk Winkel-/ Fragmentobjekt XI sind es Aluminiumwinkel, deren Schenkel sich von einem imaginären Zentrum aus verjüngen. Die vier Winkel haben alle dieselbe Form – einen längeren und einen kürzeren Schenkel. Sie verlaufen entlang der Diagonalen eines unsichtbaren Quadrats. Die zu den Diagonalen gerichteten Flächen der Schenkel sind in den Primärfarben lackiert. Die Wirkung, die Nelly Rudin durch diese äußerst reduzierte Konstellation aus Form und Farbe erreicht, ist enorm. Das Werk bleibt nahezu verborgen, wenn man den Blickwinkel genau auf den Mittelpunkt ausrichtet, in dem sich die angesprochenen Diagonalen kreuzen. Dann nämlich sieht man nur das Weiß der Winkeloberflächen und die zarten Farbschimären, die von den Innenseiten der Schenkel auf die Wand reflektieren. Bewegt man sich von diesem Zentrum aus in verschiedene Richtungen, avancieren die Farben Rot, Gelb, Blau und Grün zu formgebenden Dominanten, während das Weiß nur noch als Schatten erkennbar bleibt.

 

Diese künstlerische Haltung des „Weniger“, aus dem dann so viel „Mehr“ entspringt, bedarf einer außerordentlichen Präzision des bildnerischen Denkens. So schöpft Nelly Rudin aus den prallen Möglichkeiten der Wahrnehmung, um sie in zahlreichen Skizzen in eine minimale Ausgangslage zu überführen. Ist die Arbeit dann realisiert, wird sie den Möglichkeiten der Wahrnehmung wieder anvertraut. Und zwar so, als sei alles von Anfang an ganz einfach gewesen.

 

Nelly Rudin

1928 geboren in Basel

2013 gestorben in Uitikon (CH)