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Museum Ritter
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Hans Jörg Glattfelder

Lineare Variation III A, 1991

Acryl auf Leinwand

175 x 175 cm

Foto: Olaf Nagel

 

Der Schweizer Hans Jörg Glattfelder gehört zu den wichtigsten zeitgenössischen Repräsentanten der konstruktiv-konkreten Kunst und gilt gleichzeitig als einer ihrer bedeutendsten Erneuerer. Sein Werk steht in der Tradition der Zürcher Konkreten, mit denen ihn seine experimentelle Herangehensweise sowie die Forderung verbindet, Kunst müsse visueller Ausdruck geistiger Denkprozesse sein. Zentrales Anliegen Glattfelders ist die Klärung des Verhältnisses von Fläche und Raum. Während die Zürcher Konkreten mit ihren auf Zahlenfolgen und Flächenteilungen basierenden Werken der klassischen euklidischen Geometrie verhaftet blieben, fand Glattfelder über die Beschäftigung mit der nichteuklidischen Geometrie und mit der Raumkrümmung zu einem eigenen Ansatz. Er bricht in seiner Kunst mit dem Gesetz des rechten Winkels und gibt das Konzept des Raumes als eines sich linear ins Unendliche ausdehnenden Gebildes zugunsten der Vorstellung eines mehrdimensionalen Raumes auf. Seit den Siebzigerjahren entsteht in Auseinandersetzung mit dem gekrümmten Raum eine Serie von Arbeiten, die Glattfelder als „nicht-euklidische Metaphern“ bezeichnet.


Lineare Variation III A von 1991 zeigt ein schwarzes, unregelmäßiges Viereck, das, mathematisch exakt konstruiert, dem Segment einer Sattelfläche entspricht. Die Bildfläche ist von einem Netz konvergierender Linien in unterschiedlicher Farbigkeit überzogen. Die Farbgebung des Rasters durchläuft die Abfolge des Farbkreises, und zwar in entgegengesetzter Richtung. Während das Netz an den hellen Bereichen aus der Bildfläche hervorzutreten scheint, weicht es an den dunklen optisch zurück. Dadurch entsteht eine tiefenräumliche Wirkung, die im Zusammenspiel mit der perspektivischen Verzerrung des Netzes und dem unregelmäßigen Bildformat die Illusion einer hyperbolisch gekrümmten Fläche evoziert. Glattfelder vollzieht hier mit dem klassischen Mittel einer zweidimensionalen Bildstruktur den Schritt in die raumzeitliche Dimension und verleiht damit dem Begriff des Illusionismus eine neue Bedeutung, weil er metaphorisch anschaulich macht, was unanschaulich und deshalb nicht visualisierbar ist: die von Albert Einstein nachgewiesene Krümmung des Raumes. Damit fordert er die Wahrnehmung des Betrachters heraus, er veranlasst zum Nachdenken über das Sehen an sich und das Betrachten von Kunst im Besonderen.

 

Hans Jörg Glattfelder

1939 geboren in Zürich
Lebt und arbeitet in Basel