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Geneviève Claisse

Roche corneille (transparence / plénitude), 1995

Acryl auf Leinwand

2 Teile

je 100 x 100 cm

© VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Fotos: Franz Wamhof

 

Bereits auf den ersten Blick sieht man, dass die beiden Gemälde Roche corneille [Krähenfelsen] mit den Untertiteln Transparenz und Fülle eng zueinander gehören. Das eine scheint eine Variante des anderen zu sein, und die Unterschiede zwischen beiden werden durch Korrespondenzen wieder in der Waage gehalten. Beide Bilder fußen auf einer in die Diagonale verschobenen Anordnung von Rechtecken und zu schmalen Rechtecken verbreiteten Linien in den Grundfarben Gelb, Rot und Blau sowie Schwarz; das Auge wandert zwischen den beiden hin und her, um bei dem einen die Fülle und bei dem anderen die Transparenz wahrzunehmen. Obwohl die Diagonale eigentlich ein Instrument der Dynamik im Bild ist, wirken beide Bilder, einzeln und auch zusammen, äußerst harmonisch und ausgeglichen. Jedes Gewicht wird durch ein anderes ausgeglichen, und so ist das Bild der Fülle weder voll, noch das der Transparenz leer. Beide ergänzen sich ideal und verraten eine künstlerische Handschrift, welche die Prinzipien formalen Aufbaus durch jahrelange Praxis perfekt gemeistert hat.

 

Geneviève Claisse ist eine Künstlerin, für die es nie eine Alternative zur gegenstandsfreien Kunst gegeben hat. Bereits ihre ersten künstlerischen Versuche waren abstrakt und standen unter dem Eindruck der Schriften von Kandinsky und Auguste Herbin, einem Gründervater des französischen Konstruktivismus, dessen Assistentin und Nachlassbetreuerin sie später wurde. In diesem geistigen Umfeld muss man denn auch das Werk von Claisse verorten. Sowohl Kandinsky als auch Herbin glaubten an die Kunst als eine eigene und von jeder anderen Weise menschlicher Äußerung unabhängige und universelle Sprache, die ihre Inhalte rein über Form und Farbe dem Geist mitteilen konnte, sobald man ihre Regeln endgültig verstanden hatte. Herbin entwickelte hierfür sogar ein eigenes konstruktivistisches Alphabet der Kunst. Zwar finden sich in den Werken von Claisse keine unmittelbaren Spuren dieser wörtlich verstandenen Utopie einer universellen Kunstsprache, aber auch bei ihr fußt das Schaffen auf der festen Überzeugung, dass Kunst ein Medium ist, das seine ihm eigenen Inhalte schafft, die von keinem anderen Medium, sei es Musik oder Sprache oder etwas anderes, erfasst werden kann. Kunst stellt für sie das Nichtsagbare und Nichtdemonstrierbare dar. Insofern darf man die Untertitel von Roche corneille auch nicht als Erklärung oder Thema der Arbeit verstehen, sondern lediglich als Hinweis für das Sehen, welches den Gehalt der beiden Bilder ganz und gar nur in der Wahrnehmung erfasst – ohne Worte.

Geneviève Claisse

1935 geboren in Quiévy (FR)

2018 gestorben in Dreux (FR)