Grazia Varisco
Gnomone, 1983–1984

Metall
100 x 100 x 40 cm


Die Plastik „Gnomone“ der italienischen Künstlerin Grazia Varisco ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie man auf der Grundlage eines etablierten Frühwerks Arbeiten schafft, ohne sich in der Repetition desselben zu verlieren. Als Mitglied der Mailänder Gruppo T, der Varisco 1960 beitrat, gehörte sie zu den prägenden Protagonisten der kinetischen Kunst und Op Art in Europa. In den Arbeiten aus dieser Periode dominieren dem industriellen Kontext entlehnte Materialien, die der Künstlerin dazu dienten, den Werken einen instabilen, offenen Charakter zu geben und das Rollenverhältnis von Künstler und Betrachter als aktive Wechselbeziehung neu zu formulieren.

Nachdem sich die Gruppo T aufgelöst hatte, stand Varisco Mitte der sechziger Jahre vor der Frage, wie sie sich als eigenständige Künstlerin von der bis dahin kollektiv verstandenen Arbeit emanzipieren konnte. In den Werkgruppen, die dieser Zeit folgten, trat in Variscos Kunst ihre Faszination für geometrische Formen in den Vordergrund. Rechtecke, Quadrate und Kreise spielten nun die Hauptrollen und wurden nicht als intuitiv gesetzte, sondern als auf der mathematischen Konstruktion beruhende Formen dazu benutzt, die Grenze zwischen Wissenschaftlichkeit und Unvorhersehbarem auszuloten.

Die Arbeit „Gnomone“ folgt diesem Ansatz: Ein flaches, zu einem Quadrat geformtes Metallband, das mit einem seiner rechten Winkel an der Wand fixiert ist, wurde von der Künstlerin an mehreren Stellen derart gefaltet, dass es als dreidimensionales Objekt in den Raum hineinragt. In der Art, wie sich „Gnomone“ mit seiner räumlichen Präsenz vor der zweidimensionalen Wandfläche positioniert, erinnert die Arbeit an die aus einer Rahmenform entwickelten Werke der Schweizerin Nelly Rudin. Allerdings geht es Varisco weniger um das Changieren zwischen Bild und Objekt, zwischen dienendem Rahmen und eigenständigem Werk, als vor allem um die Schattenlinie, die sich aus der Anordnung ergibt. Der „Gnomon“, den man aus der griechischen Antike als „Schattenzeiger“ kennt, lässt hier über den Tag eine sich verändernde Linie auf der weißen Wandfläche erscheinen. Damit thematisiert Varisco nicht allein das veränderliche Kunstwerk, das abhängig von Zeit und Ort neu wahrgenommen werden kann, sondern sie addiert mit dem Schattenwurf ein sichtbares Bildelement, das in seiner Materialität nicht greifbar ist. Es sind der Gruppo T verwandte Themen, mit denen sich Varisco in dieser Arbeit beschäftigt; sie nähert sich ihnen aber auf eine äußerst poetische Art und Weise an.

 



1937 geboren in Mailand  
lebt und arbeitet in Mailand