Rolf-Gunter Dienst
Scaramouche VI, 2001

Acryl auf Leinwand
160 x 360 cm

 

 

1942   geboren in Kiel  
2016   gestorben in Berlin

 

Tritt ein mit der ungegenständlichen Kunst vertrauter Betrachter dem großformatigen Gemälde „Scaramouche VI“ von Rolf-Gunter Dienst entgegen, so mag er versucht sein, den Vergleich zu anderen Werken der zeitgenössischen Kunst zu ziehen. Ein Bild, dessen Fläche vollständig mit farbigen Quadraten besetzt ist, findet sich bei Richard Paul Lohse ebenso wie bei Timm Ulrichs oder Gerhard Richter. Der mal weniger starke, mal deutliche Bezug zu bekannten Werken nimmt in Diensts Œuvre einen besonderen Raum ein. Diese Form der künstlerischen Annäherung versteht das Werk eben nicht als isoliertes ästhetisches Produkt, sondern bindet dieses selbstbewusst in einen kulturellen, politischen und ästhetischen Kontext ein. Besonders signifikant ist dieser Ansatz in den Arbeiten, die unter dem Einfluss der amerikanischen Farbfeldmalerei entstanden. Dienst lebte Mitte der 1960er-Jahre für einige Zeit in New York. Während dieser Zeit übernahm er Kompositionen von Barnett Newman oder Ellsworth Kelly und schrieb in seinen Bildern die für sein Œuvre typische Mikrostruktur ein.
Der Titel des Gemäldes „Scaramouche VI“ verweist auf eine Figur aus der "Commedia dell' Arte", ohne damit eine eindeutige Lesart des Bildes anzubieten. Bei der Betrachtung drängt sich zunächst die intensive Farbigkeit in den Vordergrund. Der übergreifenden Komposition von 36 Quadratfeldern – jedes mit einer eigenen Farbnuance – sind winzige chiffreartige Elemente über mehrere Zeilen eingeschrieben. Auf diese Weise fließt in die klare, geometrische Komposition eine sehr persönliche Geste ein, die gleichzeitig von einer ungemeinen Disziplin zeugt. „Das Kürzel hielt jedoch nicht nur her, um Kalligraphisches an die Zeile zu binden, sondern war ebenso geeignet, Farbe zu modulieren.“, beschrieb der Künstler das zeichnerische Element in seiner Malerei. Im Bewusstsein um den konkreten Bildraum bettet Dienst die Ebene der gestischen Expression in den Farbauftrag ein, die den klar voneinander abgegrenzten Farbfeldern eine kaum merklich vibrierende Binnenstruktur verleiht. Auf diese Weise formuliert Dienst die Malerei als ein komplexes Medium mit farbräumlicher Tiefe und sinnlichem Ausdruck, fernab der objektivierten und systembasierten Malerei eines Richard Paul Lohse.