Thomas Bayrle
Sandwerfer (Zeichen für Epoche) 2005/2010

Siebdruck auf Pappe, Geflecht auf Holzgitter
183 x 183 x 12 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Die dreidimensional in den Raum greifende Arbeit „Sandwerfer“ aus dem Jahr 2010 besteht aus einem quadratischen Kartongeflecht und zeigt Menschen auf einem Erdhügel, die damit beschäftigt sind, Sand zu schaufeln. In Schwarz-Weiß aus dramatischer Untersicht gegen den Himmel fotografiert nimmt der Erdhügel geradezu monumentale Ausmaße an, wogegen die Menschen zwergenhaft klein erscheinen. Die Physiognomien der einzelnen Personen sind durch die Grobkörnigkeit der Abbildung sowie die Rasterstruktur des Bildträgers kaum zu erkennen. Schemenhaft heben sie sich gegen den Himmel ab. Ihrer individuellen Züge beraubt erscheinen sie als nicht näher definierte Teile einer Masse, eines Kollektivs, dessen Interessen - so die Rhetorik der kommunistischen Propaganda - sich das Individuum unterzuordnen hat. Das Phänomen der Masse ist ein zentrales Thema im Oeuvre Thomas Bayrles. Wenige Jahre nach dem Erscheinen von Siegfried Kracauers „Das Ornament der Masse“ und Elias Canettis „Masse und Macht“ setzt sich auch Bayrle seit Mitte der sechziger Jahre mit der Massengesellschaft und der Entindividualisierung des Einzelnen auseinander. „Sandwerfer“ gehört zu einer Serie von Arbeiten, die erstmals 2005 nach einem mehrmonatigen Aufenthalt Bayrles in China entstand und für die der Künstler auf Fotos der Mao-Zeit aus chinesischen Propagandaheften zurückgriff. Mittels Siebdruckverfahren auf Kartonstreifen übertragen wird das Bild zunächst fragmentiert und anschließend, in Analogie zur Herstellung von Textilien, zu einer neuen Bildstruktur verwoben. Solchen Geweben begegnen wir bei Bayrle des . Für ihn, der vor seiner künstlerischen Laufbahn eine Ausbildung zum Weber absolvierte, ist das Gewebe ein Bild für die Gesellschaft, oder, wie er es formuliert: „Das Individuum ist der Faden, die Masse der Stoff.“ Und so wie die Gesellschaft voller Brüche und Verwerfungen ist, so haben sich auch in das regelmäßige Auf und Ab von Kette und Schuss im Raster der „Sandwerfer“ Unregelmäßigkeiten in der Webstruktur eingeschlichen. Doch hinter den vermeintlichen Webfehlern steckt wohldurchdachtes Kalkül. Aus dem Verlauf der Kartonbahnen ergeben sich nämlich chinesische Schriftzeichen. Im Fall von „Sandwerfer“ ist es das Zeichen für den Begriff "Epoche", der gleichzeitig eine Art Subtitel dieses Werkes ist. Somit wird diese Arbeit zur Metapher für einen konkreten Abschnitt chinesischer Geschichte – die Epoche des Maoismus.

 

 

1937   geboren in Berlin 

lebt und arbeitet in Frankfurt am Main