Willi Baumeister
Abstraktion auf Hellgrau, 1927

Mischtechnik auf Karton
32,5 x 23,3 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2015

 

Der Maler, Grafiker und Bühnenbildner Willi Baumeister gehört zu den profiliertesten Vertretern der deutschen Avantgarde. Seine künstlerische Laufbahn nimmt, nach einer abgeschlossenen Lehre zum Dekorationsmaler, ihren Anfang an der Stuttgarter Kunstakademie, wo er gemeinsam mit Oskar Schlemmer und dem Schweizer Otto Meyer-Amden zu den Schülern Adolf Hölzels gehört. Während der Studienjahre ist seine Suche nach der richtigen Form von nachimpressionistischen Einflüssen und einer intensiven Beschäftigung mit dem Werk von Paul Cézanne geprägt. Nach dem Ersten Weltkrieg findet Baumeister unter dem Eindruck des internationalen Konstruktivismus ab 1919 zu einer strengen, auf geometrischen Elementarformen basierenden Formensprache. Sein Werk entwickelt sich in den zwanziger Jahren im Spannungsfeld zwischen Abstraktion und Figuration. In der Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper rückt die Fläche als Basis jeglicher Malerei in den Mittelpunkt seines Interesses. Neben den "Mauerbildern", die einen ersten Höhepunkt im Oeuvre Baumeisters markieren, entstehen zwischen 1920 und 1929 unter anderem die Werkgruppen „Flächenkräfte“ und „Maschinenbilder“ sowie eine Reihe grafischer Arbeiten, in denen Baumeister die fundamentalen Gesetzmäßigkeiten der Kunst erkundet und nach einer spannungsvollen Balance konstruktivistischer Bildmittel jenseits des Abbildhaften strebt. Daran knüpft auch die „Abstraktion in Hellgrau“ von 1927 an. Die mit Bleistift, Deckweiß und Deckfarben in verschiedenen Grautönen, Rosa und Braun auf grauem Grund ausgeführte Komposition wird von geometrischen Formen dominiert, die an Maschinenteile erinnern. Die nahezu über das gesamte Hochformat verteilten Elemente – Quadrate, Rechtecke, Balken, runde und halbrunde Formen – scheinen in einem imaginären Raum zu schweben. Sie wirken wie ineinander verschachtelt, fügen sich aneinander, überschneiden oder überlagern sich und erzeugen so eine räumliche Dimension, ohne die Raumverhältnisse dabei eindeutig zu klären. Die Anordnung der Elemente ist genau austariert. Geradezu dialektisch konstruiert Baumeister die Spannungsverhältnisse. Horizontale und Vertikale, Schwarz und Weiß, Kreis und Quadrat – jedes Element findet auf der Bildfläche ein Gegengewicht in Form und Farbe. Lediglich die Diagonale, die den linken Rand der kegelartigen, grauen Form am oberen Bildrand bildet, findet keine Entsprechung. Diese Form markiert die Mittelachse und die Spitze der Komposition und bildet eine Art Klimax innerhalb der ausbalancierten Bildarchitektur.

 

 


1889   geboren in Stuttgart 

1955   gestorben in Stuttgart