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Eröffnungsrede Dr. Martin Stather George Pusenkoff Mona Lisa und das schwarze Quadrat
Mona Lisa – eine Ikone der Kunstgeschichte, kein Zweifel. Seit 502 Jahren betrachtet ein fasziniertes Publikum dieses Bild – es gibt sogar Reiseführer, die einem im Louvre den schnellsten Weg zur Mona Lisa zeigen, damit man ja nichts anderes auf dem Weg dorthin sehen muß.
Malewitschs schwarzes Quadrat – erst ein knappes Jahrhundert alt und doch auch bereits eine Ikone der modernen Kunst, der Ursprung, wenn man so will, der gegenstandslosen Malerei, die das vergangene Jahrhundert so sehr geprägt hat. In George Pusenkoffs Werk treffen sich beide, das prototypische Menschenbild und der Prototyp einer gegenstandslosen Welt, die die Veränderung anstrebt. Diese beiden Pole der Kunst finden zusammen im Werk eines Malers, der mit radikal zeitgenössischen Mitteln das beinahe altertümlich anmutende Handwerk der Malerei ausübt. Leonardos Bild, das (bis auf den berühmten Diebstahl im Jahre 1911) unverrückbar im Louvre hängt, hat bei Pusenkoff eine weite Reise angetreten. Als Bilddatei aus dem Internet heruntergeladen, bis zur Kenntlichkeit als schwarz/weiß-Bild bearbeitet, auf Leinwand gemalt und mit der Computer-Taskleiste versehen reiste sie 1996 in seinem Gepäck mit nach Russland. Dort posierte sie an vielen Orten, von denen Sie hier an der Wand eine kleine Auswahl sehen können. 2006 schließlich reiste sie mit ins All und umkreiste die Erde. Das Originalbild können Sie im Foyer besichtigen. Bereits in dieser ersten Mona Lisa begegnet uns auch das schwarze Quadrat, als Hintergrund, der Form annimmt, als Teil des Bildes. In dieser Form wird Mona Lisa zum lächelnden Quadrat, das die unterschiedlichen Zeiten, die unterschiedlichen künstlerischen Konzepte wie die Kulturen miteinander verbindet.
Der Turm auf dem Freigelände zeigt in seinem Innern 500 X Mona Lisa in 50 Farben im chromatischen Verlauf, 500 X Mona Lisa zum 500. Geburtstag des Bildes 2005. Der Eindruck ist überwältigend, wird noch gesteigert durch eine leise Musikkomposition Pusenkoffs, die auf die Installation Bezug nimmt. Die Taskleiste um das Einzelbild herum stellen unser Realitätsempfinden auf den Prüfstand; wir glauben zu sehen, daß dieses Bild tatsächlich Leonardos Mona Lisa ist. Vergleicht man die Bilder, versteht man, daß es sich um eine verkürzte Darstellung handelt, die direkt unser (gerne vereinfachendes) visuelles Gedächtnis anspricht. Das Internet dient als visueller Speicher, als kollektives Gedächtnis sozusagen, das aus Leonardo da Vincis Bild eine anonyme Ikone macht. Was Realität und was virtuelle Realität ist und ob wir beide noch scharf zu trennen in der Lage sind – diese Frage stellt sich das Werk George Pusenkoffs immer wieder.
Auch die virtuellen Bilder von Mondrian und Albers etwa stellen diese Frage. Die Farbigkeit ist völlig verschieden von der der Originale, die malerische Textur vereinfacht. Auch hier begegnen wir eigentlich Bildern, die wir zwar sofort identifizieren können, die jedoch mit den Originalarbeiten eigentlich herzlich wenig zu tun haben. Dafür handelt es sich um Originale Pusenkoffs. Auch die vermeintlichen Malewitschs spielen mit unserer Erwartung und Seherfahrung. Was aussieht wie ein schwarzes Quadrat ist eigentlich schlicht ein Nichts – eine leere Fläche, von Taskleisten begrenzt, ein digitales Nirwana. Zudem war Malewitschs Schwarzes Ur-Quadrat überhaupt kein Quadrat, eher bereits damals die Idee eines Quadrats. Wir schauen auf den Bildschirm und sehen – nichts. Eine gelöschte Datei oder eben wieder ein Original von Pusenkoff. Ganz wie wir wollen. Gelb ist traditionell die Farbe der Spiritualität in der gegenstandsbefreiten Kunst, daher ziert auch Pusenkoffs erste Mona Lisa dieses Gelb.
Im Fortgang der Ausstellung, die insgesamt eher wie eine große, zusammenhängende Installation aufgebaut ist, begegnen wir weiteren Quadraten, wie wir sie von der Kunst des 20. Jahrhunderts her kennen. Aber wir bewegen uns weiter im Computerbild, wir haben es mit hartnäckigen Pixeln zu tun, die sich unserem ästhetischen Empfinden ebenso hartnäckig verweigern, sie lassen sich nämlich nicht kippen. Und so sehen wir die Trennlinien zwischen den Quadraten als Treppenlinien, die wie vergrößertes Karopapier funktionieren. Was am Computer entsteht wird allerdings akribisch umgesetzt in Malerei, in vielen, vielen Schichten. Das altmodische Medium der Malerei wird in Pusenkoffs Werk überzeugend und beinahe nahtlos verbunden mit den zeitgenössischen digitalen Medien. Seine Serie „Who´s afraid of“ zeigt übereinander liegende Bilder, die in Streifen zerhackt sind wie ein fehlerhaftes Fernsehbild oder digitales Nebelflimmern. Der Titel spielt natürlich auf Barnett Newmans berühmtes Bild „Who´s afraid of red, yellow and blue“ an, setzt aber auch eine Assoziationskette anderer Art in Gang, etwa mit „Who´s afraid of Virginia Woolf“ des englischen Dramatikers Edward Albee. Wer hat Angst vor der Malerei, könnte man angesichts des Werks von George Pusenkoff titeln; was seine Bilder zeigen, ist immer ein Ausschnitt des Möglichen. Bewegt man die Maus und verschiebt den Cursor, sieht man ein anderes Bild, eines, das im Computer rechts, links, oben und unten des eben gesehenen existiert. Oder existiert es nur, weil wir die Maus bewegt haben? War es vorher überhaupt schon da? Pusenkoff stellt die Frage nach den Möglichkeiten des Bildes im 21. Jahrhundert, die Frage nach der Realität und wie wir diese angesichts der neuen Medien begreifen wollen. Seine Kunst ist Teil einer malerischen Tradition und gleichzeitig radikal zeitgenössisch. Unsere Realitätserfahrung und Sehgewohnheiten haben sich in den letzten Jahren stark verändert. Pusenkoff konfrontiert uns mit diesen Erfahrungen und beweist gleichzeitig, daß die Malerei imstande ist, damit Schritt zu halten. Im Bild „Erased Malewitsch“ löscht er per digitalem Radiergummi die schwarze Fläche – darunter kommt eine weiße Fläche zum Vorschein, vielleicht Malewitschs „Weißes Quadrat“, vielleicht aber auch nur Projektionsfläche für weitere Bilder.
Martin Stather |
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