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Hier lesen Sie die Rede der Kuratorin Dr. Barbara Willert zur Ausstellungseröffnung "Alighiero Boetti - Order and Disorder", 25. Oktober 2008:
 
Einblicke in die Ausstellung "Alighiero Boetti"
 
Dem Italiener Alighiero Boetti ist unsere diesmalige Ausstellung im großen Erdgeschoss-Saal gewidmet. Damit stellen wir Ihnen erneut das Werk eines Künstler vor, der viele seiner Kompositionen aus der Quadratform heraus entwickelte, der sich - im Unterschied zu vielen Künstlern der Sammlung Marli Hoppe-Ritter - jedoch nicht grundsätzlich dem Quadrat und der Geometrischen Abstraktion verschrieben hat.
Alighiero Boettis Werk ist extrem vielfältig und von großer Komplexität. Seine Kunst nimmt ihren Ausgang in den 1960er Jahren, genauer gesagt im Turin der 60er Jahre, wo er bei der Arte Povera Bewegung eine führende Rolle spielte. In den folgenden Jahrzehnten bis zu seinem Tod im Jahr 1994 hat er ein Werk geschaffen, das sich nicht auf eine oder wenige Techniken und Ausdrucksformen beschränkt, sondern das sich vor allem durch eine große mediale und formale Vielfalt auszeichnet.
Und als überaus neugieriger und vielseitig interessierter Mensch hat Boetti viele Anregungen aufgenommen, ja regelrecht in sich aufgesogen und in seine Kunst eingebracht. Sein Turiner Umfeld lieferte in den ersten Jahren seiner künstlerischen Aktivität wichtige Impulse, vor allem aber ist in seinen Werken immer wieder der Einfluss der orientalischen Kunst und Kultur spürbar, einer Lebenswelt, die ihm durch viele lange Aufenthalte in Afghanistan in den 70er Jahren bestens vertraut war.
Wenngleich sich Boettis Kunst einer Kategorisierung entzieht, so haben doch viele seiner Werke eine stark konzeptionelle Komponente, und fast immer sind es dieselben Parameter, die seine Arbeiten bestimmen. Eine der wichtigsten und markantesten Konstanten ist dabei sicherlich sein großes Faible für eigenwillige Ordnungssysteme und für selbst auferlegte Regeln. Dieser Vorliebe für geordnete Strukturen stehen dabei häufig Wahrnehmungsmuster gegenüber, die – zumindest auf den ersten Blick - ungeordnet, also chaotisch, erscheinen.
„Ich habe häufig“, so Boetti, „mit den Konzepten von Ordnung und Unordnung gearbeitet, entweder, indem ich die Ordnung durcheinander gebracht habe, oder indem ich offensichtliche Unordnung als Verkörperung einer intellektuellen Ordnung präsentiert habe. …Es geht einfach darum, die Spielregeln zu kennen: wer nicht mit ihnen vertraut ist, wird nie die Ordnung hinter den Dingen wahrnehmen können. Wenn man zum Beispiel zum Himmel aufschaut und die Ordnung der Gestirne nicht kennt, sieht man nur ein einziges Chaos, während ein Astronom eine klare Ordnung wahrnimmt.“
Beide Pole, also Ordnung und Unordnung, sind bei dem Künstler im Grunde oft nichts anderes als die zwei Seiten einer Medaille; regelmäßig gehen sie in seiner Kunst eine fruchtbare Verbindung ein. Dies gilt in hohem Maße für seine bunten gestickten Schriftbilder, die so genannten arazzi. Mit diesen zumeist sehr kleinen und sehr farbenfrohen Kompositionen ist Boetti international bekannt geworden. Sie bilden einen Schwerpunkt unserer Ausstellung.
Die handwerkliche Ausführung dieser Arbeiten übertrug Boetti afghanischen Stickerinnen – also Profis auf diesem Gebiet. Ihre spezifische Schönheit beziehen die arazzi aus der Synthese von geordneten und ungeordneten Strukturen. Wörter und kurze, griffige Texte werden in diesen Kompositionen ins Quadrat gesetzt: „Il dolce far niente“ / „Das Süße Nichtstun“ oder „Il silenzio è d?oro“ / „Schweigen ist Gold“, heißt es da zum Beispiel. Die einzelnen Buchstaben sind jeweils der strengen Geometrie eines die Bildfläche rasternden Quadratgitters eingepasst, wobei die Lesbarkeit der Texte durch die extreme Vielfarbigkeit einer Komposition und die oft vertikale Leserichtung erschwert wird. Erst auf den zweiten Blick schälen sich die Buchstaben aus der ganzen Farbenpracht heraus und fügen sich zu sinnhaften Wörtern. Formal-ästhetische und linguistische Elemente verschmelzen zu einer perfekten Einheit von Schrift und Bild.
Es freut uns sehr, Ihnen in unserer Ausstellung ein wichtiges Hauptwerk dieser Werkgruppe zeigen zu können, nämlich die aus 199 kleinen Stickquadraten bestehende Arbeit „Order and Disorder“, die wir freundlicherweise vom MMK, Frankfurt ausleihen konnten
Das wandfüllende Werk steht im Zentrum unserer Ausstellung. Boetti treibt hier das Wechselspiel von Ordnung und Unordnung auf die Spitze. „Order and Disorder“ lesen wir innerhalb eines jeden einzelnen kleinen Textquadrats. Zusätzlich aber werden die Prinzipien Ordnung und Unordnung im Arrangement des Gesamtwerks veranschaulicht, denn die 199 Stickbilder sind - der Anweisung des Künstlers folgend - in zwei Blöcken zu präsentieren: Einem ordentlichen Block aus 100 fein säuberlich zur quadratischen Formation gehängten Bildtafeln und einem unordentlichen Block, der aus 99 systemlos auf einer Wandfläche verteilten Stickbildern besteht.
Alighiero Boettis Vorliebe für eigenwillige Ordnungen und neue Arrangements macht sogar vor dem eigenen Œuvre nicht Halt, und damit komme ich zu einem zweiten Schwerpunkt unserer Ausstellung, dem Portfolio „Insicuro noncurante“ (zu Deutsch in etwa „Unsicher – sorglos“). Das Mappenwerk ist bereits in der ersten Hälfte der 1970er Jahre entstanden. Boetti stellte darin 81 Blättern zusammen, die sich fast alle auf eigene, bis dahin geschaffene Arbeiten beziehen. Er nimmt hier also seinen künstlerischen Kosmos ins Visier, er ordnet ihn gewissermaßen neu und schafft sich so seine eigene Werkschau.
Unter den Blättern des Portfolios befinden sich originale Studien und skizzenhafte Versionen wichtiger Hauptwerke ebenso wie Nachdrucke früherer Arbeiten, Fotografien und Fotomontagen. Hinzu kommen Collagen mit Postkarten und Briefmarken, Kalligrafien und kleine geometrische Zeichnungen, die Boetti aus dem perfekten Quadratraster eines karierten Zeichenpapiers heraus entwickelte.
Die breit gefächerten Interessen des Künstlers an Disziplinen wie Mathematik und Philosophie, aber auch an Magie und Mystik haben in dem Mappenwerk deutliche Spuren hinterlassen. Nicht wenige Blätter sind von ausgesprochen selbstreferentiellem Charakter, seine Umwelt lieferte wichtige Anregungen und immer wieder ist auch der Einfluss von Boettis zweiter Heimat Afghanistan spürbar. Zahlreiche Kompositionen zeugen von der großen Leidenschaft des Künstlers für Sprach- und Zahlenspielereien, für Wort und Schrift. Einfache Chiffren verwendet er dabei ebenso wie kryptisch verschlüsselte Codierungen. Geordnete Strukturen finden sich neben ungeordneten, und nicht selten gehen scheinbare Gegensätze eine geheime Verbindung ein.
„Insicuro Noncurante“ hat es also in sich! Jedes einzelne Blatt ist schon ein Kunstwerk für sich, zusammen aber geben diese Arbeiten einen ebenso einzigartigen wie persönlichen Einblick in die Kunst und Lebenswelt eines überaus geistreichen und fantastisch obsessiven Künstlers, in dessen Werk es einzutauchen lohnt.
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