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Hier lesen Sie die Rede der Kuratorin Dr. Barbara Willert zur Ausstellungseröffnung 
"Geneviève Claisse - Jenseits des weißen Quadrats", 27. Oktober 2007:
 
Einblicke in die Ausstellung "Geneviève Claisse - Jenseits des weißen Quadrats"
 
Wir sind sehr glücklich und auch stolz, erstmals in Deutschland eine Museumsausstellung mit Werken aller Schaffensphasen der Künstlerin Geneviève Claisse zeigen zu können. Geneviève Claisse ist eine der ganz großen Vertreterinnen der Geometrischen Abstraktion in Frankreich, eine Künstlerin, die in erste Linie Malerin ist, daneben aber auch etliche Plastiken und Reliefs geschaffen hat.
Immer schon hat Geneviève Claisse abstrakt gearbeitet und zwar ausschließlich abstrakt.
Wie ein Ereignis, ja fast wie eine Offenbarung hat sie ihre ersten Begegnungen mit der ungegenständlichen Kunst erlebt, und sie sagt selbst. „Ich bin Malerin geworden, weil ich auf die Abstraktion gestoßen bin“. Bis heute hat sie diesen schon früh eingeschlagenen Weg mit großer Konsequenz verfolgt.

Die frühen konstruktiv-geometrischen Strömungen wie die niederländische De Stijl-Bewegung oder der Konstruktivismus haben sie dabei inspiriert. Auch ihr Landsmann Auguste Herbin lieferte ihr wichtige Anregungen, als seine Assistentin lernte sie den kühnen Umgang mit Farben; die geistigen Wurzeln von Geneviève Claisses Kunst liegen vor allem aber in Kasimir Malewitschs Ideologie der reinen Gegenstandslosigkeit, dem Suprematismus.
Malewitsch schloss 1919 mit seinem Gemälde eines “Weißen Quadrats auf weißem Grund“ seine malerischen Experimente mit dem Suprematismus vorläufig ab. Verschiedentlich wurde seitdem der Tod der Abstraktion proklamiert, dies allerdings ohne nennenswerte Konsequenz, denn, wie wir alle wissen, lebt die Idee der autonomen, abstrakten Malerei bis heute bei vielen Künstlern weiter. So auch im Werk von Geneviève Claisse, und das in ihrer reinsten Form.
In ihren Gemälden knüpft sie an Malewitschs Ideale an und führt sie sehr eigenständig fort. Bildhaft gesprochen geht sie gewissermaßen über sein „Weißes Quadrat“ hinaus, und so kann auch der Untertitel unserer Ausstellung „Jenseits des weißen Quadrats“ verstanden werden. Viele Jahrzehnte nach Malewitsch schafft Geneviève Claisse abstrakte Kunstwerke, frei von dogmatischen Einschränkungen, Kunstwerke, die ganz für sich selbst stehen und dabei von einem seltenen Fantasiereichtum zeugen.
 
Geneviève Claisses Werk der vergangenen 50 Jahre besticht den Betrachter unmittelbar durch seine subtilen Form- und Farbakkorde, die oft eigenwillig sind, immer aber als sehr harmonisch und in sich stimmig wahrgenommen werden. Schon die frühesten erhaltenen Gouachen und Skizzen der Künstlerin sind von einer ganz außergewöhnlichen Leichtigkeit. Diese Blätter zeigen noch amorph und organisch wirkende Kompositionen, und es ist bemerkenswert, mit welch sicherem Gespür für Farben und Formen Geneviève Claisse schon als ganz junge Malerin überzeugt.
Gegen Ende der 1950er Jahre wird ihr Vokabular disziplinierter, es wird geometrischer und konstruktiver, ohne dabei jedoch an expressiver Kraft zu verliefen. Ein tektonischer Bildaufbau aus einfachen Elementarformen wie Dreieck, Kreis und Rechteck bestimmt nun ihre Gemälde. Ineinander greifende und sich überschneidende Farbfelder rhythmisieren die Bildfläche und verleihen ihr Dynamik und Spannung. Energiegeladene Form- und Farbgefüge entstehen; mitunter ergibt sich sogar der Eindruck einer kaleidoskophaft  gebrochenen Bildstruktur.
 
Es folgen sodann Werkphasen, in denen sich die Künstlerin bevorzugt auf eine bestimmte geometrische Elementarform konzentriert. Mal sind es spitze, schlanke Dreiecke in Schwarz-Weiß, später dann große Kreise in satten, kräftigen Farben und immer wieder natürlich auch Quadrate, die sie zu einem bunten Spiel geometrischer Farbformen überlagert, so dass sie optisch in der Bildfläche vor- und zurückzuspringen scheinen. Dank Geneviève Claisses Mut zur Farbe und zu ungewöhnlichen, doch auf ihre Art völlig stimmigen Farbkontrasten wirken diese Bilder extrem heiter und vital. Und ganz ohne die Anwendung mathematischer Perspektivkonstruktionen und wissenschaftlich fundierter Farbgesetze entsteht hier die Suggestion von Tiefenräumlichkeit und die Illusion einer sanft pulsierenden Bewegung.

Im harten Kontrast flimmernder, schwarz-weißer Linienkompositionen treibt die Künstlerin ihre Freude am optischen bzw. kinetischen Experiment schließlich auf die Spitze. Die Leinwand ist in diesen Bildern nicht mehr in dichte, gesättigte Farbfelder unterteilt und das Konzept der geschlossenen Form wird hier erstmals aufgegeben.
Im Laufe der 1980er Jahre findet Geneviève Claisse zu immer sparsameren Lösungen. Die Reduktion der Form, das Thema der Auslassung und der strahlend weiß gehaltene Bildgrund gewinnen in ihrer Malerei zusehends an Bedeutung. Seitdem entstehen extrem reduzierte und frische Bilder. Intuitiv auf einem strahlend weißen Bildgrund verteilte Strich- oder Balkenstrukturen wirken in diesen Gemälden mit bunten Rechteckformen symphonisch zusammen. Heiter und schwerelos scheinen die Bildelemente im Weißen Nichts der vorzugsweise quadratischen Leinwand zu schweben.
Mit diesen sehr ungewöhnlichen Bildern der letzen Jahre hat die Künstlerin zu einem ganz unverkennbaren persönlichen Stil gefunden. Wie nur wenigen Vertretern der Geometrischen Abstraktion gelingt Geneviève Claisse immer wieder der Balanceakt zwischen rationaler Ordnung und malerischer Freiheit, zwischen geometrischer Disziplin und Intuition – und genau darin liegt das Geheimnis der Schönheit ihrer Bilder.
 
Wir laden Sie ein, das Werk einer Künstlerin zu entdecken, die ihren Weg von Anfang an ganz unbeirrt verfolgt, einer großartigen Malerin, die uns nicht nur als Kunstschaffende sondern auch als Persönlichkeit sehr beeindruckt hat.


 
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