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Wolfram Ullrich (*1961)
Cube, 2005
Acryl auf Stahl, gerostet
138,5 x 138,5 x 16 cm
Ein Kubus ist ein Kubus. Ein Würfel ist ein Würfel. Könnte man meinen. Klar ist, dass wir selbst ein vergleichsweise simples Objekt wie einen Kubus nicht vollständig, sondern nur in seiner Perspektivität wahrnehmen können. Wir sehen maximal drei Seiten und neun Kanten eines Kubus und meinen doch zu wissen, dass es sich dabei um einen Würfel handelt. Diese Herangehensweise beschreibt eine zentrale Problematik, mit der sich die Phänomenologie seit Edmund Husserl auseinandersetzt. Dabei geht es unter anderem um die Frage, ob und, wenn ja, mit welchem Recht, unser Wissen die Anschauung vervollständigt und so dazu beiträgt, dass die Wahrnehmung überhaupt gelingt.
Im Falle des »Cube« von Wolfram Ullrich mag diese Wahrnehmung einfach nicht gelingen. Weder durch reine Anschauung noch durch Hinzunahme unseres Wissens. Steht man frontal vor dem Bild, dann sieht man ein Quadrat, das von einer Art Passepartout eingefasst ist. Am linken unteren Bildrand sorgen zwei ebenfalls graue Flächen dafür, dass wir darin einen parallel-perspektivischen Würfel erkennen. Erst wenn man den Blickpunkt verändert, löst sich der Schein des Kubus auf, die Anordnung selbst erweist sich als Relief.
Wolfram Ullrichs Arbeiten bewegen sich nach wie vor innerhalb der Regeln der konstruktiv-konkreten
Kunst, ihr Stimulus aber reicht weit darüber hinaus. So nimmt der Künstler bereits während der Arbeit die Position des Betrachters ein und antizipiert gewissermaßen die rezeptionsästhetischen Konsequenzen seines Tuns. Formal klar und von bestechender Prägnanz, wie Ullrich betont: »Die formale Strenge und Klarheit der Arbeiten ist nötig, um dem Betrachter die Wahrnehmung als offenes Arbeits- und Rezeptionsfeld zu ermöglichen.« Diese künstlerische Haltung ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass der schnelle Blick und das zustimmende Nicken in Wolfram Ullrichs Werken konsequent misslingt. Stattdessen hält der Künstler seine Betrachter durch das Changieren zwischen Schein und Sein, zwischen Wissen und Anschauung ständig in Bewegung. Der Kubus ist da, aber auch nicht. Die opake Oberfläche des gerosteten Stahls scheint ihren Neigungswinkel ständig zu verändern. Form, Farbe und Dimension des Werks lassen sich kaum begreifen, sondern höchstens mit jedem neuen Blickwinkel des Betrachters annähernd bestimmen.
1961 geboren in Würzburg
1980–86 Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart
1981–85 Studium der Kunstgeschichte an der Universität Stuttgart
1991 Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg
1992 Arbeitsstipendium des DAAD, New York