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Rupprecht Geiger (*1908)
Ohne Titel (WV 861), 1994

Acryl auf Leinwand auf Holz 125 x 125 cm

Der Ursprung der Licht durchfluteten Malerei des Autodidakten Rupprecht Geiger liegt in der Beobachtung von Himmelsphänomenen. Der 1908 in München geborene, gelernte Architekt erfuhr während des Kriegsdienstes in Russland die farbenprächtigen Morgen- und Abendstimmungen am Horizont als besonderes Erlebnis, das sich nachhaltig auf seine Malerei auswirkte. Bereits seine ersten noch gegenständlichen Zeichnungen der russischen Landschaft in den 1940ern zeigen, wie er die Farbstimmungen des Himmels und die Wirkung des Lichts in Schwarz-Weiß-Abstufungen zum Ausdruck bringt. Als bedeutender Begründer der deutschen Nachkriegskunst arbeitet Geiger seit 1948 abstrakt, wobei ihm Farbe zum wesentlichen Thema seiner Malerei wird. Mit ungewöhnlichen Mitteln wie der Spritzpistole und fluoreszierenden Tagesleuchtfarben erreicht er die intensiv strahlende Wirkung seiner farbigen Flächen.
Auch die Arbeit „Ohne Titel“ von 1994 verursacht nahezu einen visuellen Schock, da sie den Blick in einem Meer von leuchtenden Rottönen einfängt. Das unmittelbare Nebeneinander des gelbhaltigen roten Quadrates im Zentrum und des pinkfarbenen Rahmens, dessen weiße Anteile mit der lichten Museumswand konkurrieren, lässt ein Bild von immenser Leuchtkraft entstehen. Den Unterschied dieser Farbtöne und die ansteigende Helligkeit der Farben empfindet der Betrachter als Licht. Auch spiegeln sich die Eigenschaften der Farben in ihrer materiellen Beschaffenheit wider. Die kräftige rot-orangene Acrylfarbe im Zentrum liegt teils erhaben auf dem Bildträger, wohingegen das leichte, helle und transparente Pink in die Leinwand eindringt. Neben den faktischen Eindrücken vermittelt die Arbeit ebenso spirituelle Energie, indem sie Meditationsräume eröffnet. Dem visuellen Eintauchen in die Farbe kann so eine sinnende Betrachtung folgen, die zu einer geistigen Erfahrung führt. Auch in diesem Punkt sind die Arbeiten Geigers im Zusammenhang mit der Kunst Mark Rothkos zu sehen.
Rupprecht Geiger, der bereits seit 1948 statt der rechteckigen Form des Bildträgers auch trapez- und T-förmige Formate verwendet, hinterfragt damit auch das Verhältnis von Bild, Raum, Wand und Objekt. Jedoch hat die Form in seiner Kunst immer nur dienende Funktion. Sie soll die Farbe in Szene setzen. In seinen späten Werken seit den 1970er Jahren nimmt dabei zunehmend eine Farbe eine wichtige Rolle ein, nämlich Rot. Sie steht für Schönheit, Energie, Liebe und Leben.
1908 geboren in München
1926–29 Architekturstudium an der Kunstgewerbeschule München
1933–35 Studium an der Staatsbauschule München
1949 Gründung der Gruppe ZEN 49 mit u.a. Willi Baumeister, Brigitte
Meier-Denninghoff, Fritz Winter
1965–76 Professur für Malerei an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf
1970 Mitglied der Akademie der Künste, Berlin; Burda-Preis
1988 Kunstpreis Berlin
1992 Rubenspreis der Stadt Siegen
ab 1980 überwiegende Beschäftigung mit der Farbe Rot