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English Version

 
Die Kunstsammlerin und Museumsgründerin Marli Hoppe-Ritter im Gespräch
mit Prof. Kurt Weidemann

(Das Gespräch fand im Mai 2009 statt.) 
 
 
 
Kurt Weidemann:
Wie wird man als Schokoladenfabrikantin zur Kunstsammlerin?


Marli Hoppe-Ritter:
Beides hat viel miteinander zu tun. Als Unternehmerin denke ich an die Zukunft und als Kunstsammlerin ebenso. Darüber hinaus gibt es in meinem Fall auch einen ganz offensichtlichen Anknüpfungspunkt der beiden Bereiche, nämlich das Quadrat. Einerseits ist es das Markenzeichen von RITTER SPORT, andererseits bedeutet das Quadrat geradezu ein Paradigma der abstrakt-geometrischen Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Berühmt geworden durch den russischen Konstruktivisten Kasimir Malewitsch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, fasziniert die geometrische Idealform bis heute Künstlerinnen und Künstler. Die Vielfalt malerischer und plastischer Konzepte zum Quadrat hat mich dazu bewogen, dieses Thema in einer eigenen Sammlung zu verfolgen.


Kurt Weidemann:
Bedeutet die Festlegung auf ein Spezialthema nicht gleichzeitig auch eine Eingrenzung?


Marli Hoppe-Ritter:
Ja, es ist eine starke Eingrenzung, sich auf das Thema „das Quadrat in der Kunst“ einzulassen. Aber die Konzentration eröffnet wiederum die Möglichkeit, eine Sammlung aufzubauen, die weitaus mehr in die Tiefe geht. Das Sammeln zu einem bestimmten Thema ist mit einem Puzzle vergleichbar. Man möchte Lücken füllen, um das Thema möglichst umfassend zu dokumentieren. Das ursprünglich geplante Puzzle ist aber irgendwann einmal mehr oder weniger vollständig. Dann stellt sich die Frage, weitere An- und Ausbaumöglichkeiten zu finden. In diesem Sinne ist die Erweiterung der Sammlung vor allem auch im Hinblick auf die aktuelle Gegenwartskunst wichtig und erweist sich als ausgesprochen tragfähig, da das Quadrat ein Motiv mit unerwartetem Potenzial ist. Für mich als Sammlerin hat sich die Begrenzung als eine wirklich gute Sache und große Chance herausgestellt.


Kurt Weidemann:
Ihre Beschränkung auf das Quadrat hat mich anfangs erschreckt. Gerade das Quadrat – als ein Symbol der Ordnung, Festigkeit und Bestimmtheit. Aber genau diese Beschränkung erweist sich inzwischen als brillante philosophische Idee. Die Festlegung auf ein Format beziehungsweise auf ein Sujet schränkt die Sammlung weniger ein als die vielen Ismen, die es in der Kunst gibt.


Marli Hoppe-Ritter:
Ich habe etwas mehr als fünfzehn Jahre gebraucht, um die Sammlung so aufzubauen, wie sie heute existiert, weil ich relativ spät angefangen habe, Kunst zum Thema Quadrat zu sammeln. Davor habe ich zwar auch schon moderne Kunst gekauft, aber ohne an ein Thema oder eine Sammlung zu denken. Die Idee entstand erst, als ich 1986 eine Ausstellung im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen gesehen habe. „Von zwei Quadraten“ hieß diese Sonderschau zum russischen Suprematismus. Damals fing ich an, mich mit dem Thema Quadrat in der Kunst zu befassen und habe dann festgestellt, dass dieses Thema unglaublich vielfältig und aufregend sein kann. Um mit den Worten von Hans Peter Reuter zu sprechen, ist das Quadrat „die schönste Form für die Phantasie“. Es ist eine perfekte Form, eine quasi neutrale Form.
 
 
Kurt Weidemann:
Was hat Sie dazu bewogen, Ihre Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen?


Marli Hoppe-Ritter:
Ich bin der Meinung, eine große Kunstsammlung sollte immer für die Öffentlichkeit da sein, erst dann ist sie lebendig. Kunst braucht den Austausch, das Gegenüber. Kunst ist ein Kulturgut, das allen zur Verfügung stehen sollte. Insofern sehe ich das MUSEUM RITTER als eine zukunftsorientierte Investition für die Allgemeinheit.


Kurt Weidemann:
In Ihrer Sammlung sind große Namen der Kunst des 20. Jahrhunderts, die heute fast unbezahlbar sind, zahlreich vertreten. Wie groß ist Ihre Risikobereitschaft, in Namen zu investieren, die eine große Zukunft versprechen? Ist das bereits ablesbar in Ihrer Sammlung?


Marli Hoppe-Ritter:
Ich bin nicht bereit, sehr große Summen für Kunst auszugeben. Es muss alles in Relation bleiben. Langfristig ist es wichtig, dass das Museum Bestand hat und der Betrieb des Museums gesichert ist. Bei jungen, noch nicht arrivierten Künstlern bin ich risikofreudiger. Es liegt ein besonderer Reiz darin zu sehen, wie sich ein junger Künstler weiterentwickelt. Viele Künstlerinnen und Künstler kenne ich persönlich. Und das ist auch das Spannende am Sammeln, speziell am Sammeln zeitgenössischer Kunst. Man kann den künstlerischen Werdegang mitverfolgen und auch ein wenig den persönlichen Lebensweg begleiten. Das ist faszinierend.


Kurt Weidemann:
Haben Sie eigentlich schon Entscheidungen für die Zukunft Ihrer Sammlung getroffen?


Marli Hoppe-Ritter:
Die Entwicklung der geometrisch-abstrakten Kunst ist nicht vorhersehbar. Aber ich werde sie weiter mit Leidenschaft verfolgen und bin neugierig darauf, was alles entstehen wird und welche neuen Ideen die Künstlerinnen und Künstler dieser Kunstrichtung in Zukunft haben werden. Ich möchte mich noch intensiver darauf konzentrieren, Bezüge und Querverbindungen zwischen verschiedenen künstlerischen Ansätzen und verschiedenen Künstlergenerationen zu dokumentieren.

 
Kurt Weidemann:
Welche Aufgaben und Ziele haben Sie sich für das Ausstellungsprogramm im MUSEUM RITTER gesetzt?

Marli Hoppe-Ritter:
Zweck des Museums ist zunächst einmal, die Sammlung auszustellen und einem breiteren Publikum bekannt zu machen. Wir veranstalten jährlich drei bis vier Ausstellungen, die jedoch – im Gegensatz zur Sammlung – nicht ausschließlich auf das Thema Quadrat beschränkt sein müssen. Es sollen historische Entwicklungen auf dem Gebiet der konkret-konstruktiven Kunst aufgezeigt werden ebenso wie Bezüge zur heutigen jüngeren Künstlergeneration. Darüber hinaus werden umfangreiche Werkübersichten von Künstlerinnen und Künstlern der Sammlung in Einzelausstellungen vorgestellt. Und dann informieren wir natürlich auch über die Entwicklung der Sammlung in jährlichen Neupräsentationen. Zu jedem Ausstellungsprojekt erscheint ein eigener Katalog, der sowohl für die Besucher als auch für die beteiligten Künstler eine wertvolle Dokumentation darstellt.