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Auszug aus dem Ausstellungskatalog: Text von François Morellet: "Die Quadratur des Quadrats" |
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Anlässlich meiner Ausstellung in diesem herrlichen Tempel, der vornehmlich dem Quadrat geweiht ist, hielt ich es für eine gute Idee, einige meiner zahlreichen noch nie ins Deutsche übersetzten Texte zu zitieren zum Thema (Zwangs)Liebesehe, auf die sich ein quadratischer Konformist mit transzendentaler Neigung und ein ungläubiger Künstler mit frivoler Neigung eingelassen haben. |
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Hier zunächst der Auszug aus einem Text von 1983 „Figuration et Défiguration“ sowie ein weiterer Text von 1990 „Encore un hommage au carré!“, in denen die zwingenden Gründe dieser Ehe dargelegt sind.
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„Figuration und Defiguration“, 1983
Im Rahmen meiner unermüdlichen, systematischen Recherche, die sich unter dem Motto „wie man mit möglichst wenig auskommt“ zusammenfassen lässt, habe ich mich seit 1952 für quadratische Leinwandformate entschieden. Bekanntlich ist zur Bestimmung eines Quadrats lediglich eine einzige willkürliche Entscheidung erforderlich, während für ein Rechteck doppelt so viele zu treffen sind. So habe ich über dreißig Jahre lang fast ausschließlich quadratische Leinwände benutzt. Die quadratischen Keilrahmen mussten immer extra bestellt werden. Zum Glück gehört das Quadrat seit einigen Jahren wieder zu den Standardformaten (ist das vielleicht der Grund, warum ich ihm jetzt gelegentlich untreu werde?). Es bleibt jedoch noch immer ein armer Verwandter im Vergleich zu den Porträt-, Landschafts- und Seestückformaten, die es bei weitem nicht verdrängt hat. Ich finde es erstaunlich, dass gerade die für ihre Rationalität bekannten Franzosen eine Standardliste von dreiundsechzig Formaten, die rein gar nichts entsprechen, erfunden und akzeptiert haben. Keine mystische Regel (goldener Schnitt oder sonstiges Modul), keine Industrienorm dienen als Rechtfertigung. Das Seitenverhältnis variiert bei den Hoch- und Querformaten je nach Formatgröße auf die fantasievollste Weise.
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„Noch eine Hommage an das Quadrat!“, 1990
Muss das nach Malewitsch, der es dramatisierte, Mondrian, der es auf die Spitze stellte, und Albers, der es durch alle Farben hindurch deklinierte, noch sein? Ich finde, dass es dieses brave Quadrat immer noch verdient hat. Vor allem, wenn man es mit seinen Konkurrenten vergleicht. Zunächst mit dem Rechteck, das sich die schlimmsten Extravaganzen erlauben kann, benötigt es doch zu seiner Definition zwei Maße, zwei subjektive Entscheidungen, während für das bescheidene Quadrat nur ein einziges Maß erforderlich ist. Natürlich benötigen auch das gleichseitige Dreieck und der Kreis nur ein einziges Maß, um existieren zu können. Aber dieses gleichseitige Dreieck ist kein wirklicher Konkurrent, denn es hat in seiner Familie zu viele gleichschenklige, rechteckige und andere exzentrische Artgenossen, die den gleichen Namen tragen. Und schließlich ist es durch die Heilige Dreifaltigkeit und die Freimaurerei zu sehr gebrandmarkt. Der Kreis könnte auf den ersten Blick ein ebenbürtigerer Konkurrent sein auf Grund seiner bemerkenswerten Besonderheit, lediglich eine einzige Seite zu besitzen. Aber was für eine merkwürdige Seite, die man nur unter den extremsten Schwierigkeiten messen oder berechnen kann. Und dann darf ich mit Verlaub sagen: er ist nicht abstrakt. Das ist eine Sonne, ein Mond, ein Busen, ein Hinterteil, usw. Also, es lebe das Quadrat! Aber Vorsicht, denn seit mein Keilrahmenfabrikant es in die Standardformate aufgenommen hat, ist mir aufgefallen, dass es sich verändert hat. Es hat in der Tat ein wenig von seinem Snobismus verloren, aber dafür einen wohlmeinenden Konformismus angenommen, den man im Auge behalten sollte. Ja, noch eine Hommage, aber bleiben wir wachsam.
Schließlich habe ich einen Auszug aus dem Text „le carré“ von 1990 ausgewählt, in dem ich die Kunstgeschichte mit Blick auf Malewitsch, Mondrian und Albers Revue passieren lasse und mich in die Feinde des Quadrats einreihe.
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„Das Quadrat“, 1990
In meiner Jugend habe ich wie viele geglaubt, dass Malewitsch einen gewissen Charme in den Quadraten erkannte, da er mehrere „Porträts“ von ihnen machte (wie sich Strzeminski so treffend ausgedrückt hat). Aber die Wahrheit ist eine ganz andere. Der kühne Malewitsch hat das Quadrat aus ganz anderen Gründen attackiert. Erinnern wir uns zunächst daran, dass seine satirischen Viereckporträts nur eine kurze Periode ausmachen, vor und nach der ganz normale Bilder anzutreffen sind. Welcher Humor, welche Grausamkeit in diesen verstümmelten Quadraten! Manche, wie das „Rote Quadrat“ von 1915, zeigen noch deutliche Spuren ihrer Normalität unter den deformierenden Retuschen. Das Metermaß in der Hosentasche, habe ich in bekannten Museen oft Stunden damit zugebracht, auf den Moment zu warten, bis der Wärter einnickt, um die Viereckmonster zu entlarven. Einmal bin ich tatsächlich auf ein quadratisches Quadrat gestoßen. Aber der Betrug war offensichtlich, denn es handelte sich um eine Fälschung oder vielmehr um das Werk eines böswilligen Schülers. Nein, Malewitsch mochte keine Quadrate. Schdanow, der diese Abneigung nicht teilte, konnte ihn nicht überzeugen, so dass Malewitsch die Geometrie lieber ganz aufgab, um nicht gezwungen zu sein, normale Quadrate zu malen. Als er starb, haben seine Feinde triumphiert und ließen ihn zum Hohn mit einem perfekten Quadrat beerdigen. Der nicht gerade für seine Schalkhaftigkeit berühmte Mondrian hat das Quadrat auf eine nicht zu überbietende ironische Weise angegriffen. Es ist ihm tatsächlich gelungen, quadratische Bilder perfekt zu entstellen, indem er sie in groteske Rauten verwandelte, die in der Balance auf der Spitze stehen! Das war wohl bereits eine Vorausahnung meines Balletts. Albers wiederum hat diesem armen Quadrat alle Farben vor Augen geführt. Welch schwarzer Humor, eine Serie Farbmuster, die absolut nichts mit Geometrie zu tun haben, „Hommage an das Quadrat“ zu nennen. Warum nicht eine „Hommage an Rodin“ machen, indem man seine Skulpturen mit Bärten versieht? Der Leser wird verstanden haben, dass ich den Ehrgeiz besitze, mich in diese illustre Reihe von Quadratfeinden einzuordnen.
Epilog
Vergangenes Jahr hatte ich die Ehre, den großen europäischen Preis für Konkrete Kunst am 17. November 2008 in Würzburg entgegenzunehmen. Habe ich ihn wirklich verdient? Text verfasst von François Morellet
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Bild oben: Quelques avatars du carré, 2009 Fotomontage des Künstlers zum Thema Quadrat |
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