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Eröffnungsrede von Dr. Martin Stather, Leiter des Mannheimer Kunstvereins |
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Das Quadrat – ein Sinnbild des Lebens? Mehr oder weniger starr in seiner vorgegebenen Form, aber lebendig im Inneren, fähig zur Veränderung, zur Evolution. Am Anfang war es voller Spielerei. Malewitsch schuf seine ersten Bilder mit dem schwarzen und weißen Quadrat als Annäherung an eine absolute, gegenstandsfreie Form, eine künstlerische Revolution, die vermeintlich dann auch schon einen Endpunkt darstellte. Wie konnte er ahnen, dass noch 100 Jahre danach (und vermutlich noch deutlich länger) Künstler sich des Quadrates bemächtigen und damit eine beinahe unendliche Anzahl von künstlerischen Ausformungen, Konzepten und Visionen realisieren würden. Wie gesagt, am Anfang war es nur eine Annäherung an die absolute Form, denn, schauen Sie einmal genauer hin, Malewitschs Quadrate sind prinzipiell und gewollt alles andere – nur keine perfekten Quadrate.
Andere Künstler haben das Quadrat dann gleich ernster genommen. Suetin, einer seiner Schüler, arbeitete gerne mit geometrisch exakten Quadraten, gleichermaßen etwa Theo van Doesburg, Ilja Tschaschnik, Rudolf Jahns, Carl Buchheister, Friedrich Vordemberge-Gildewart und viele andere mehr. Gleichwohl gab es in den zwanziger Jahren auch Künstler wie etwa Kurt Schwitters, die dem Quadrat eine Malewitsch?sche Leichtigkeit und Verspieltheit zurückgaben. Die Künstler der De Stijl-Gruppe wie Mondrian und van Doesburg vergeistigten das Quadrat, spiritualisierten es und sorgten dafür, dass das Publikum in Ehrfurcht und stiller Andacht wie im Mittelalter vor dem Tafelbild verharrte. Das Quadrat war in einer quasi-religiösen Sphäre angekommen. |
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| Einblicke in die aktuelle Ausstellung "Hommage an das Quadrat" |
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Die Züricher Konkreten schließlich kanonisierten das Quadrat. Wehe dem, der vom rechten und rechtwinkligen Weg abwich! Damit war die Geduld des Quadrats aber auch endgültig erschöpft. In den 50er und 60er Jahren lernte das Quadrat erst einmal das Tanzen – der Aufbruch der kinetischen Kunst brachte Bewegung in die erstarrte Geometrie. Die jüngere und jüngste Künstlergeneration schließlich fährt zweigleisig, strenge Geometrie mit neuen Inhalten ist angesagt, oder man verfährt mit dem Quadrat gleich nach Belieben, lässt es Wellen schlagen wie in Jochen Twelkers Blusenbildern, verpackt es als Geschenk wie Corrado Bonomi und lässt Perlenschnüre wuchern als eine Hommage an Josef Albers wie Paola Pivi. Eine echte Verjüngungskur - da macht das Quadrat wieder Spaß!
Die neue Präsentation der Sammlung Marli Hoppe-Ritter ermöglicht einen Rundgang durch die Geschichte des Quadrats, einen Rundgang, der nahezu alle Aspekte einer beinahe 100-jährigen Geschichte berücksichtigt, dabei die Schwerpunkte auf die eben erwähnten zweigleisigen Qualitäten legt. Gerade die kinetische Kunst und die Künstler der OP-Art sind prädestiniert, uns auf amüsante, ansprechende und dennoch sehr lehrreiche Art und Weise über Quadratmutationen zu informieren, ohne dass uns das jemals langweilig würde. Diese Kunst ist die Kunst der Bewegung – mal bewegt sich das Kunstwerk, dann wieder wird solches vom Betrachter verlangt. Optische Phänomene werden, beispielsweise von Vasarely, systematisch bildlich untersucht und verwirren das Auge des Besuchers, täuschen es und führen ihm Grenzbereiche der Wahrnehmung vor. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei neben dem historischen Teil, der eine Einführung in die Vielfalt des Themas Quadrat vermittelt, auf Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern, die in den letzten 20 Jahren zu neuen Formulierungen gefunden haben. Michael Reiter etwa, der eine filigrane Netzkonstruktion wie ein Spinnennetz in den Raum hängt. Damit hat er die strengen Festlegungen und trockenen Formelhaftigkeiten ausgefegt und dem Quadrat zu einer neuen Frische in der dritten Dimension verholfen. Oder die Filmarbeit von Janathan Monk, in der ein Quadrat wie ein Keks angeknabbert wird. |
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Jessica Centner baut Legoplastiken, die die Bausteine der Kindheit endgültig ins Reich der Kunst befördern. Klare Gesetzmäßigkeiten bestimmen auch das Werk von Bernhard Sandfort, obwohl man das vermeintlich lustvolle Chaos erst einmal sortieren muß. Überhaupt ist die Selbstreinigungskraft der geometrisch-konstruktiven Kunst eine beträchtliche, auch wenn die Querschüsse manchmal von außen kommen. Mit Witz und feiner Ironie wird da gearbeitet, sich auf gänzlich respektlose Art und Weise auf die historischen Protagonisten und Vorbilder bezogen, dass es eine wahre Lust ist. Eine kleine Arbeit der Österreicherin Brigitte Kowanz signalisiert ein großes NEIN; ein Nein zu Konformismus und Langeweile. Anatoly Shuravlev übermalt eine tibetische Gebetsfahne; der Buddha muss der Ikone des Schwarzen Quadrats weichen, Nelly Rudins zartes Wandgebilde beschreibt Quadrate, die der Phantasie des Betrachters überlassen werden und Hans Peter Reuter präsentiert das Quadrat in Form einer Schokoladentafel – als leckeres trompe l?oeil! Alle in der Ausstellung befindlichen Exponate fordern eine vermehrte Aufmerksamkeit des Betrachters und oft lauert die Ästhetik da, wo man sie am wenigsten vermutet, in ungewöhnlichen Materialien und einer grenzenlosen Lust am Experiment mit dem Quadrat. Die Haltung wie die künstlerischen Ansätze verändern ich zwangsläufig in jeder neuen Künstlergeneration, die es mit dem Ballast ihrer Vorgängerinnen und Vorgänger zu tun hat. Das befördert die Kunst, lässt sie nicht stehen bleiben und hält sie vor allem lebendig. Die Sammlung Marli Hoppe-Ritter hält sich für diese Entwicklungen offen und ist gerade deshalb so spannend. Im Wachsen der Sammlung mit der Kunst der Gegenwart bleibt auch die Sammlung lebendig und wird den Besucher immer wieder mit neuen Entwicklungen überraschen können.
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Lassen Sie sich also bezaubern durch die Kunst des Quadrats, durch eine Geschichte, die Sie noch miterleben können, machen Sie einen Rundgang durch Geschichte und Gegenwart und vergessen Sie auch nicht, sich hinterher eines der feinen Schokoladenquadrate zu gönnen – die Künstler und Künstlerinnen werden es Ihnen gleichtun.
Dr. Martin Stather Leiter des Mannheimer Kunstvereins und Kuratoriumsmitglied im MUSEUM RITTER
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