Almir Mavignier: durchdringung – weiss auf rosa, 1973
Öl auf Leinwand
111,6 x 111,6 x 9 cm

 



1925   geboren in Rio de Janeiro, Brasilien     
lebt und arbeitet in Hamburg 


Während seines Studiums an der Hochschule für Gestaltung Ulm entstehen 1954 unter dem Einfluss Max Bills und Josef Albers’ die für den gebürtigen Brasilianer Almir Mavignier charakteristischen Bilder mit Punktrastern. In ihnen entwickelt der Künstler mit den Themen Instabilität, Bewegung, Auflösung der hierarchisch angelegten Komposition sowie Betrachterpartizipation eine neue Auffassung vom Bild, die auch ihren Niederschlag in der von Mavignier initiierten Avantgardegruppe Neue Tendenzen findet.   
In der Arbeit "durchdringung – weiss auf rosa" überlagern sich zwei auf einer hellrosa Grundfläche versetzt angeordnete, regelmäßige quadratische Raster aus weißen Farbpunkten. Das Werk ist weder Malerei noch Relief, die Bildelemente weder Punkt noch Kreis. Die seriell angeordneten Bildelemente haben einen großen visuellen Reiz, denn der Farbauftrag ist so dick, dass man versucht ist, von einem expressiven Pinselduktus zu sprechen, der doch keiner ist, da der Malprozess vom Künstler objektiviert wurde. Mittels zusätzlicher Utensilien wie kleinen Nägeln wurde die Farbe auf die Leinwand gesetzt. Die Bildelemente werden so zu eigenständigen Objekten, die den subjektiven Gestus des Künstlers verschwinden lassen und doch äußerst individuell sind. Wie kleine Hütchen stehen die Spitzen dieser Farbobjekte im Raum, sie biegen sich grazil in alle Richtungen und sind dadurch einem subtilen Spiel von Licht und Schatten unterworfen.   
 
In der Ausrichtung auf das menschliche Auge, der Vibration und Bewegung, die durch die tonale Ähnlichkeit von Grund und Farbpunkten sowie die kleinteilige Rasterstruktur erreicht wird, sind seine Werke von Almir Mavignier vielfach in die Nähe der Op Art gestellt worden. Einige waren 1965 auf der legendären Ausstellung „The Responsive Eye“ in New York ausgestellt, die den Durchbruch für die Op Art bedeutete. Es ist sicher richtig, Mavigniers Arbeiten als wegbereitend für die optisch-kinetische Kunst der 1960er Jahre zu deuten. Doch gewinnt man ebenso den Eindruck, dass der Künstler, noch bevor sich die neue Richtung allgemein etabliert, noch einen anderen inhaltlichen Schwerpunkt setzt. Den Themen Ordnung und Objektivierung begegnet er von Anfang an mit einer gewissen Unperfektheit, die der Geometrie ein sympathisches Stück Lebendigkeit zuteil werden lässt. Und obwohl weniger vordergründig ironisch als François Morellet, kann man Mavignier hier in geistiger Nähe zu seinem Künstlerkollegen sehen. So bewegt er sich gekonnt im Spannungsfeld von Ordnung und Chaos, um beim Betrachter eine maximale visuelle Faszination auszulösen.