Jean Gorin: Raum-Zeit-Konstruktion N° 10 von der Pyramide ausstrahlend, 1955/1957
Öl auf Holz
81,5 x 56,5 x 56,5 cm

 

 

1899   geboren in Saint-Émilien-de-Blain, Frankreich  
1981   gestorben in Niort, Frankreich

 

Jean Gorins „Raum-Zeit-Konstruktion No. 10“ aus dem Jahr 1955/57 baut auf einem Skulpturenbegriff auf, der von Künstlern wie Picasso, Arp oder den russischen Konstruktivisten Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde. Die Skulptur wird nicht mehr als geschlossenes System verstanden. Das klassische dreidimensionale Objekt, bei dem das Herumgehen – und damit die zeitliche Dimension – zum Konzept gehört, wird erweitert: Die Öffnung der Skulptur erlaubt Durchblicke und bewirkt eine Verschränkung mit dem sie umgebenden Raum.  
 
Gorin, der 1899 in der Bretagne geboren wurde, überträgt hier die Prinzipien seiner konstruktiven Reliefs auf die dreidimensionale Plastik. In Frankreich entwickelt er ab 1926 eine eigene Interpretation der neoplastizistischen Grundsätze, von denen er in einer Zeitschrift erfährt und denen er sich über Korrespondenzen – unter anderem mit Georges Vantongerloo und Piet Mondrian – weiter annähert. Diese Gedanken prägen ihn derart, dass er sich über Jahre hinweg ein Atelier im neoplastizistischen Dekor errichtet. Im Jahr 1930 wird Gorin durch seine Teilnahme an der von Michel Seuphor kuratierten Ausstellung der Gruppe „Cercle et Carré“ in der Pariser „Galerie 23“ erstmals von einer breiten Öffentlichkeit als Künstler wahrgenommen.  
 
In der Plastik aus der Sammlung des Museum Ritter dient ihm die Reduktion auf ein Ensemble aus rechtwinklig aufeinander ausgerichteten schwarzen Stäben, die wie ein Gerüst flache Rechtecke und Quadrate in den Farben Rot, Blau, Gelb sowie Grau und Weiß tragen, als Grundlage für ein komplexes Zusammenspiel von Flächen und Linien im Raum. Die den Blick hindurchlassende Komposition zeigt vielschichtige Bezüge zwischen den auf mehreren Ebenen liegenden Formen. Gorin legt hier den Schwerpunkt auf die Räumlichkeit der Elemente, die einerseits Flächen sind, aber als dreidimensionale, reliefartige Erscheinungen die Raum-Wirkung der Farbe noch erhöhen. Zudem entsteht durch die konstruktive Behandlung des dreidimensionalen Werkes ein Stück gebaute Realität, die an visionäre Architekturentwürfe der Moderne erinnert. Gorin, der sich selbst „Maler-Architekt“ nannte und während seines Aufenthalts im Süden Frankreichs von 1947 bis 1956 künstlerische Werke und architektonische Zeichnungen gleichermaßen entwarf, folgt hier dem zentralen De Stijl-Gedanken, die zweckfreie Kunst mit der Lebenswirklichkeit des Menschen zu verbinden.