Antonio Calderara


22. Mai bis 18. September 2011

Kurator:
Prof. Dr. Andreas Bee

Lange Zeit wurde das abstrakte Werk von Antonio Calderara (1903-1978) weitaus höher geschätzt als das frühe figurative. Vielen erscheint auch heute noch das Frühwerk in erster Linie als eine mehr oder weniger notwendige, jedoch zu vernachlässigende Vorbereitung der eigentlichen künstlerischen Leistung. Wir sind indes davon überzeugt, dass die frühen Arbeiten nicht vom Spätwerk getrennt betrachtet werden können, und so zeigte die Ausstellung im Museum Ritter mit über einhundert Beispielen aus sämtlichen Schaffensphasen, wie überaus bereichernd der „Blick zurück nach vorn“ sein kann.

 

Es sind die Menschen, mit denen Calderara zusammenlebt, und später besonders die norditalienische Landschaft mit ihrem eigentümlichen Licht, die zu den bestimmenden Themen in seinem Werk werden. Unter den Landschaften ist der Lago d’Orta mit der Insel San Giulio eines der Hauptmotive. In verschiedenen Variationen – von der noch abbildhaften Erscheinung bis zur einfachen geometrischen Bildgestalt – ist er stets von neuem Anlass der bildnerischen Auseinandersetzung. Friedrich Nietzsche, für den der östlichste der oberitalienischen Seen ebenfalls eine Art Schicksalsort war, hat einmal betont, dass man als Künstler häufig in einer scheinbar verkehrten Welt lebe, einer Welt, in der sich alles Formale zum Inhaltlichen und alles Inhaltliche zum bloß Formalen wendet. Dem hätte Calderara sicher zugestimmt, denn genau darum geht es in seiner Kunst und in dieser Ausstellung, die neben Ölbildern aus allen Schaffensphasen auch einige der hervorragenden und leider immer noch weit unterschätzten Aquarelle und Zeichnungen versammelt.

Diejenigen, die Antonio Calderara noch persönlich gekannt haben, beschreiben ihn als sehr angenehmen, geistreichen und lebensbejahenden Zeitgenossen, der auf geradezu idealtypische Weise eine Haltung verkörperte, wie sie einem uomo nobile, einem adligen oder edlen Menschen, eigen ist. Für Calderara waren Form und Inhalt keine Widersprüche. Für ihn war die Kunst das große Stimulans des Lebens und das Leben selbst eine große, permanente Konversation.

 

Sein einnehmendes Wesen und seine Malerei boten ihm vielfältige Möglichkeiten, sich mit den Menschen auszutauschen. Wie groß allein sein Freundeskreis unter Künstlern war, kann man heute noch in seinem Haus in Vacciago am Lago d’Orta nachvollziehen, in dem eine beeindruckende Sammlung von Werken befreundeter Künstler ihre Heimat gefunden hat – oder auch in der zeitgleich im Museum Ritter gezeigten Ausstellung mit Werken der Sammlung Marli Hoppe-Ritter, in der sich viele der von Calderara geschätzten Künstlerkollegen wiederfinden.

 

Abbildungen von links oben nach rechts unten:
Antonio Calderara:
Attrazione Quadrata, 1963
Ein Werk aus "Die Geschichte vom Orta-See" (6-teilig), 1976
Figura, 1949
Silenzio bianco, 1932
Spazio Luce, 1962